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Wenn einer eine Reise tut...
#1
... so kann er was verzählen. So heißts in einem Gedicht von Matthias Claudius ("Urians Reise um die Welt").

Ich verweile zur Zeit im schönen nicht ganz so heißen Frankreich, genauer in La Roche-sur-Yon. Und wie reißt man da am einfachsten hin? Genau, mit dem TGV. Nun hat ja die SNCF den Ruf, ein solides und robustes LGV-Netz zu betreiben (LGV: Ligne a Grand Vitesse, Hochgeschwindigkeitsstrecke). In der Regel sind Verspätungen bei TGVs die Ausnahme.

Meine Verbindung stellte sich wie folgt dar:
Stuttgart ab 12.54
Paris Est an 16.34
Paris Montparnasse ab 17.45
La Roche-sur-Yon an 20.59

So weit so gut. Die Planung sieht auf dem ersten Blick äußerst großzügig aus. Der Übergang dauert in Paris 20 Minuten. Da bleibt ein Spielraum von fast 50 Minuten. Das sollte doch eigentlich reichen, oder? Weit gefehlt.

TGV, auf der Fahrt von Stuttgart nach Paris. Wir stoppen irgendwo auf der LGV zwischen Strasbourg und Paris. Wenn man so mit 330km/h durch die Gegend donnert, wird einem fast ein wenig mulmig. Schon der kleinste Anstieg wird im Zug wie in einem Flugzeug bemerkbar, wenn man sanft nach unten in den Sitz gedrückt wird, während der Zug von der Geraden in einen leichten Hügel übergeht. Man bekommt das Gefühl, nicht nur schnell unterwegs zu sein, sondern auch schnell am Ziel anzukommen.

Wäre da nicht diese Hitze. Also draußen. Innen drin wars angenehm klimatisiert. Jedenfalls fuhr die Hitze den ganzen Tag mit. Zumindest ging unsere Fahrt irgendwann in ein Stop-and-Go über. Ich dachte mir, naja, wird wohl viel los sein heute auf der Strecke. Nur irgendwann ging es nicht mehr weiter. 20 Minuten geschah nichts. Irgendwann dann kam die Durchsage. Signalstörung. Wir müssen warten. Dann ging das Stop-and-Go weiter. Vermutlich mussten Züge vor uns auf Sicht in einen vorausliegenden wieder funktionierenden Block vorrücken, was nur langsam möglich war. Aber es ging vorwärts. Ich war noch nicht beunruhigt. Wegen 20 Minuten, bei 50 Minuten Puffer? Alles im grünen Bereich.

Doch dann ging es gar nicht mehr weiter. Wir standen still. Und es verging die Zeit. Langsam wurde ich unruhig. Endlich, nach weiteren 15 Minuten, eine Durchsage. Liegengebliebener TGV direkt vor uns. Wir würden uns auf unbestimmte Zeit verspäten. Da war meine Hoffnung dahin. Den Anschluss-TGV in Paris konnte ich vergessen.

Es ging dann doch irgendwann weiter. Paris erreichte ich etwa 17.40 Uhr. Keine Möglichkeit, noch rechtzeitig den nächsten Zug zu kriegen. Das Problem dabei, was ich zusätzlich hatte: Mein Ziel wird per TGV nur zwei mal am Tag bedient. Einmal vormittags und einmal nachmittags. Das heißt, ich musste irgendwie anders nach La Roche-sur-Yon kommen.

In Paris dann angekommen, erledigte ich erst mal den Übergang vom Gare de l'Est zum Gare Montparnasse. War ein recht faszinierendes Erlebnis, mit der Metro zu fahren. Die war ziemlich siffig und ziemlich heiß. Die Metro fährt nicht mit Eisenrädern, sondern mit Gummirädern. Am Ziel, dem Gare Montparnasse, ließ ich mit spärlichen Französisch-Kenntnissen (der Franzose spricht grundsätzlich nur Französisch, auch wenn er eigentlich Englisch oder sogar Deutsch könnte) erst einmal die Fahrkarte umschreiben, da die TGV-Züge buchungspflichtig sind. Das funktioniert also wie im Flugzeug. Man kriegt ein Ticktet für einen bestimmten Zug und einen festgelegten Platz. Die erfreuliche Nachricht: ich konnte umbuchen auf erste Klasse. Und ich bekam eine Buchung für einen TGV von Paris nach Nantes. Dort würde es dann in einer knapp 45minütgen Fahrt mit einem regionalen Zug weiter gehen nach La Roche.

Eine Eigenart der SNCF ist, die Gleise am Bahnhof, wo die Züge abfahren, erst frühestens 20 Minuten vor Abfahrt bekannt zu geben. Das ist in Frankreich grundsätzlich so. Egal, wo man reist, überall muss man sich erst mal schlau machen, wo der jeweilige Zug denn heute abfahren würde. Es sind dann doch meistens immer wieder die gleichen Gleise. Aber sie werden trotzdem erst kurz vorher angekündigt. Jedenfalls hatte der TGV nach Nantes selbst 5 Minuten vor Abfahrt noch keine Gleisankündigung bekommen. Der Zug war übrigens auf 19.55 ab Montparnasse terminiert. Ich hatte also hier allein schon eine Verspätung von über 2 Stunden (der ursprüngliche TGV sollte um 17.45 in Montparnasse abfahren).

Allgemein herrschte sehr hektisches Treiben. Informationen erhält man nur spärlich. Es gab ab und zu hektische Durchsagen, die jedoch nur in Französisch erfolgten. Endlich bekam ich dann auch eine Information. Auf der LGV kurz vor Montparnasse war eine Weiche kaputt gegangen. Infolge von Hitze. Alle TGVs hätten eine momentane Verspätung von 15 Minuten. Nach 15 Minuten die Bekanntgabe, die Verspätung belaufe sich mittlerweile auf 15 bis 30 Minuten. Weitere 15 Minuten später die Ansage, dass die Bereitstellung des TGV nach Nantes sich aufgrund der Streckenstörung auf der LGV weiter verzögere. Wir sollten mit 40 Minuten Verzögerung rechnen. Dann endlich kamen die ersten TGVs wieder in Montparnasse an. Schließlich die Durchsage, eine andere TGV-Garnitur würde inzwischen verfügbar sein. Jedoch verzögere sich das Boarding (es wurde tatsächlich so genannt) um weitere 15 Minuten, bis die Reinigungskräfte den Zug verlassen hätten. Wohlgemerkt, diese Durchsagen waren alle auf Französisch. Ein Wunder, dass ich mit meinem Schul-Französisch überhaupt so viel verstanden habe.

Dann endlich endlich, gegen 21 Uhr, setzte sich der Zug in Bewegung. Mit einer Verspätung von 1 Stunde und 5 Minuten. Hier ist die Geschichte leider immer noch nicht zu Ende. Denn auf der LGV in Richtung Nantes war die Oberleitung heruntergekommen. Wir müssten also auf die "Route classique" ausweichen. Classique bezog sich demnach hier eindeutig auf das Prädikat "antiquiert". Demnach zuckelten wir gemächlich mit 120 Stundenkilometern bis zur nächsten Übergangsstelle zur LGV. Dies erbrachte uns weitere 90 Minuten Verspätung ein (es ist ein verdammt großer Unterschied, ob man 120kmh fährt oder die 330km/h einer LGV ausnutzen kann).

Der Tag endete schließlich damit, dass wir die Ankündigung bekamen, dass der letzte Zug in Nantes nach La Roche-sur-Yon nicht mehr erreicht werden kann. Es würden aber Busse bereit gestellt. Nantes erreichte ich gegen 0.30 Uhr, mit einer Verspätung von etwa 2 Stunden und 30 Minuten. Der Bus benötigte schließlich für die Strecke nach La Roche natürlich auch länger, als ein entsprechender Zug. Genauer gesagt, brauchte er etwa doppelt so lange, weswegen ich La Roche in der Nacht ziemlich genau um 2 Uhr erreichte. Meine Gesamtverspätung hatte sich inzwischen auf 5 Stunden aufsummiert.

SNCF erstattet mir in diesem Fall übrigens nicht die Gesamtverspätung, sondern nur jeweils einen Anteil der jeweiligen Reiseabschnitte. Das heißt, für die Verspätung von Stuttgart nach Paris bekomme ich einen Teil erstattet. Nämlich 50% des Fahrpreises von Stuttgart nach Paris (das Ticket kostete 39 Euro). Mehr Erstattung gibt es nicht. Ebenso gilt das für die Fahrt von Paris nach La Roche-sur-Yon (wo ich allerdings auch nur 29 Euro bezahlen musste). Alternativ gibt es eine 66%ige Erstattung in Form von Reisegutscheinen. Auch hier jeweils nur anteilig pro Reisestrecke.

Was mir hier sehr negativ aufgefallen ist, ist die Informationspolitik von SNCF. Sie geben nur dann etwas bekannt, wenn die Menschen unruhig werden, wenn sie also etwas sagen müssen. Von Service ist nicht besonders viel zu bemerken. Dafür muss ich fairerweise sagen, dass die Erstattungsbögen der SNCF viel übersichtlicher und kurzer gestaltet sind als die der Deutschen Bahn.

Tja, andere Länder, andere Sitten.

Da bleibt nur, das besagte Zitat vom Anfang, aus "Urians Reise um die Welt" zu Ende zu führen. Die letzte Strophe heißt:

Und fand es überall wie hier,
Fand überall 'n Sparren,
Die Menschen grade so wie wir,
Und eben solche Narren.

Tout sauf SNCF!

Au revoir, Allemagne.

Grüße aus Frankreich.
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#2
(04. 07. 2010, 00:48)Weinberg_61er schrieb: Ich verweile zur Zeit im schönen nicht ganz so heißen Frankreich, genauer in La Roche-sur-Yon. Und wie reißt man da am einfachsten hin? Genau, mit dem TGV. Nun hat ja die SNCF den Ruf, ein solides und robustes LGV-Netz zu betreiben (LGV: Ligne a Grand Vitesse, Hochgeschwindigkeitsstrecke). In der Regel sind Verspätungen bei TGVs die Ausnahme.

Iat das wirklich so? ich fahre familienbedingt sehr oft die Strecke Stuttgart - Mannheim - Saarbrücken und zurück, wobei ich bisher 5 mal mit dem TGV zwischen Mannheim und Stuttgart bzw. der Gegenrichtung unterwegs sein sollte (zum Preis von 21,75 Euro mit Dauer-Spezial und BC25). Den TGV hab ich von diesen 5 geplanten malen genau ein mal benutzt (ich muss dazu sagen, dass ich das Gefährt sehr unbequem, da sehr eng empfand), in den anderen 4 Fällen musste die Strecke Saarbrücken <> Mannheim mit "S-Bahn" und RE zurückgelegt werden, da der TGV entweder ganz ausfiel (1x) oder mehr als 1 Stunde Verspätung hatte (3x). Hatte immerhin den positiven Nebeneffekt, dass aus den 21,75 Euro dann nur noch 16,30 Euro wurden. Mich hats nicht weiter gestört, da ich ohnehin Zeit hatte. In Zukunft nehm ich jedoch gleich den RE oder die spärlichen IC, die erst in Saarbrücken beginnen und daher keine Verspätung aus Frankreich mitbringen.

Die Regionalzüge in Frankreich (TER) sind jedoch relativ zuverlässig, auch wenn sie völlig willkürlich, also ohne auch nur annähernd erkennbaren Takt, verkehren.

Viele Grüße
henchen2410
Joshua: A strange game. The only winning move is not to play.
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#3
(04. 07. 2010, 10:35)henchen2410 schrieb: . Den TGV hab ich von diesen 5 geplanten malen genau ein mal benutzt (ich muss dazu sagen, dass ich das Gefährt sehr unbequem, da sehr eng empfand), in den anderen 4 Fällen musste die Strecke Saarbrücken <> Mannheim mit "S-Bahn" und RE zurückgelegt werden, da der TGV entweder ganz ausfiel (1x) oder mehr als 1 Stunde Verspätung hatte (3x).

Also erst muss man sagen, dass der TGV dort nur den unzuverlässigen ICE 3 MF ersetzt.
Aber das ist natürlich schon krass was du da erzählst, aber auch ich hab es bisher auch immer gegenteilig erlebt, dass eher die ICEs verpätet sind. (Vorallem international).
Und über Komfort des Zuges lässt sich ja bekanntlich streiten Wink
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